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12.02.2020 20:59 Alter: 5 days

Erinnerung und Zukunft – Drehpunkte für Natur und Geschichte


Ein Demonstrationsobjekt | Foto: Barbara Messmer

Zum dritten Mal wurde das Format der Veranstaltung „Forschung miterleben“ im Arbeitszentrum Frankfurt durchgeführt. Eine aufgeschlossene Gruppe von etwa 28 Menschen, teilweise von weit her, stellte mit ihrem großen Interesse, intensiven Zuhören und Fragen Sonja Schürger und Andre Bartoniczek einen Resonanzboden zur Verfügung. Diesmal ergänzten sich die Forschungswege in Natur- und Kulturwissenschaft punktuell auf verblüffende Weise.

 

Sonja Schürger (Berlin) ist mit Kollegen von PETRARCA seit zwanzig Jahren damit befasst, die Ganzheit einer Landschaft zu erkennen und erleben. Frühe Anregungen hierzu gab Dr. Jochen Bockemühl (Dornach) mit seinen Vorträgen und Aquarellen zur Gestalterfassung einer Landschaft. Dieses Material arbeitete nun das Team methodisch auf und wandte es bereits praktisch an. Sonja Schürger hatte einen Christrosenstock dabei und entwickelte mit Hilfe der Pflanze anschaulich fünf methodische Schritte der Landschaftserkennung. Nach der stimmungsgeleiteten Wahrnehmung einer Landschaft und der Dokumentation ihrer Einzelteile kommt ein qualitativer Sprung: der Rückblick aus der Erinnerung an die Landschaft, am besten nach einer Nacht. Wird das länger und durch den Jahreslauf wiederholt und beobachtet sich zudem das Subjekt selbst, scheidet sich Wesentliches vom Unwesentlichen. Dann können im vierten Schritt Gebärden einer Landschaft und etwas wie ihre Biographie erfasst werden, zuletzt sogar ihre Identität.

 

Mit dem Thema der Erinnerung setzte der Historiker Andre Bartoniczek (Mannheim) ein. Er brachte den Zuhörern Leben und Werk des Dokumentarfilmers Andres Veiel nahe. Im Film „Black Box BRD“ (2001) stellt Veiel die Lebenswege des Bankdirektors Alfred Herrhausen und des RAF-Mitglieds Wolfgang Grams nebeneinander, mal im Kontrast, mal mit Parallelen, so dass die Zuschauer selber Bezüge herstellen und sich ein Urteil bilden können. Bereits die ersten zehn Minuten des Films, die gezeigt wurden, luden in ihrer kunstvollen szenischen Anordnung zur Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte ein.

 

Berührungspunkte der Forschungswege bestanden im Einfangen einer Atmosphäre oder Stimmung, im Element der Erinnerung, in den dunklen Bereichen der Nacht und des Willens, die tätig sind in der sinnlichen Wahrnehmung. Am Ende bekamen die begeisterten TeilnehmerInnen in den Schlussworten ideelle Zukunftsgeschenke: die methodische Landschaftserkennung ist ein Tor, mit der Natur wesensgemäß in Zukunft umzugehen (Schürger). Die Erinnerung, die gegen den normalen Zeitstrom verläuft, schafft ein Tableau, in dem sich erst Zukunft zeigen kann (Bartoniczek).

 

PETRARCA bereitet eine Publikation zum Thema vor. Laurens Bockemühl, Bas Pedroli, Sonja Schürger, Thomas van Elsen (Hrsg.): „Denn was innen, das ist außen …“ Wege einer bewussten Verbindung mit der Landschaft. Information: info@landschaftsgarten.net

 

Barbara Messmer