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15.07.2019 18:23 Alter: 32 days

SCHATZSUCHE |

"Herausforderung Erziehung" - Rückblick auf Podiumsdiskussion zur Waldorfpädagogik an der LMU München


»Herausforderung Erziehung« hieß eine Podiumsdiskussion zum Jubiläumsjahr der Waldorfschulen an der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) in München. Sie wurde von der Anthroposophischen Gesellschaft München und der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen in Bayern am 29. April 2019 veranstaltet. Kurz vor Beginn war der Hörsaal mit 600 Plätzen fast gefüllt, jetzige und ehemalige Schüler*innen waren gekommen, aber auch pädagogisch Interessierte, wie bei der Aussprache am Schluss der Veranstaltung offenkundig wurde.

 

Florian Zebhauser begrüßte und stellte das Podium vor: Prof. Dr. Rudolf Tippelt (LMU, Fakultät Pädagogik), Hannah Imhoff (ehemalige Waldorfschülerin und Münchner Stadtschülersprecherin, jetzt Studentin), Dr. Valentin Wember (ehem. Waldorfschüler, -lehrer und Organisationsentwickler in Tübingen) und Prof. Dr. Jost Schieren (Institutsleiter Schulpädagogik und Lehrerbildung an der Alanus Hochschule in Alfter). Der Moderator Wolfgang Krach (Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung und Waldorfvater) ließ zuerst alle ein Statement abgeben und führte dann mit griffigen Fragen in Problemfelder der Pädagogik ein. Waldorf als Eliteschule, PISA, Inklusion – all das kam vorund wurde auf hohem Niveau sachlich und von der Waldorfseite sehr weltoffen behandelt.

 

Vermutlich entstand aus diesem Grund keine kontroverse Diskussion, sondern ein suchendes Zusammentragen von Argumenten, Widersprüchen und Ausblicken, was den Abend von Anfang bis Ende spannend machte. Einig waren sich die Gesprächsführenden darin, dass die Waldorfpädagogik die beste Alternative zum nicht bildungsfähigen staatlichen Schulsystem darstelle. Professor Tippelt wies auf den Bildungsnotstand hin: laut einer Studie könnten 10% der Schüler*innen zwar buchstabieren, aber den Sinn nicht verstehen. Er nannte als Besonderheit bei Waldorf die Feste und die Rolle des/r Klassenlehrers/in. Doch Valentin Wember fiel gleich mit der Tür ins Haus und referierte, dass Rudolf Steiner eine Schule, die vom Staat abhängig sei, als wertlos bezeichnet hatte. Professor Schieren fügte als Selbstkritik hinzu, dass die philosophische Stärke der Anthroposophie in der Waldorfbewegung leider noch zu wenig entdeckt sei und die Gefahr einer Rezeptpädagogik drohe.

 

Doch auch Essentials kamen zur Sprache. Es wurde still im Saal, als Wember die wesentliche Aufgabe nannte: das Potential des einzelnen Kindes zu fördern. Er habe immer am meisten gelitten, wenn er ein Schulkind nicht verstand. Als besonderes Merkmal nannte Schieren, dass die Waldorfpädagogik (in über 80 Ländern) doch erstaunlich kulturadaptiv sei. Hannah Imhoff schilderte waldorfähnliche Versuche in Indien und Finnland, die sie kennengelernt hatte. Die drei Pädagog*innen stimmten darin überein, dass in den letzten 20 Jahren die Waldorfpädagogik diskursfähiger geworden sei, was das Interesse an ihr erhöhe. Es sei jedoch weiterhin schwierig, so Schieren und Wember, das pädagogische Konzept eines spirituellen Lehrers im wissenschaftlichen Dialog zu vertreten.

 

Die Frage von Herrn Krach, ob Rudolf Steiner heute etwas an der Pädagogik verändern würde (Wember: fast alles!), führte zu Zukunftsüberlegungen. Schieren wünscht sich Innovationen wie das „Bochumer Modell des bewegten Klassenzimmers”, das dem Bewegungsdrang der Schüler*innen entgegen komme. Wember hob hervor, dass die Waldorfpädagogik den Menschen universal ausbilden wolle, nicht zum Spezialisten. Er fragt sich, ob der zunehmenden Technisierung nicht eine noch größere Betonung der Kunst in der Erziehung gegenübergestellt werden müsse. Das Publikum bezog sich bei der Aussprache am meisten auf die Inklusion. Die Podiumsteilnehmer*innen waren sich einig, dass guter Wille hier nicht ausreiche, sondern Kompetenz gefordert sei. - Von ganz äußerlichen Aspekten der Waldorfpädagogik über Öffentlichkeitsfragen bis zu esoterischen Gesetzen konnten die Menschen im Saal an diesem Abend das Spektrum der Waldorfpädagogik erleben.

 

Text: Barbara Messmer

 

Bild: wdreblow0 auf Pixabay