< Welchen inneren Gesetzmäßigkeiten folgt gelingende Gemeinschaft?
22.03.2021 09:57 Alter: 22 days

Menschen beim Denken und Sprechen zuschauen

Kurz-Interview mit Gerald Häfner zum neuen Format „Goetheanum.TV“


Goetheanum.TV - Bild der Startseite

zu Goetheanum.TV >

 

Sebastian Knust: Lieber Gerald, seit kurzem gibt es erste Videos auf dem Videokanal „Goetheanum.TV“. Wie kam es zu dieser Initiative?

 

Gerald Häfner: Normalerweise kommen Menschen aus der ganzen Welt ins Goetheanum, die hier Anregungen und Impulse suchen und mitnehmen für ihr eigenes Leben wie auch für das Verständnis und die Entwicklung der Welt. Solange aber die Menschen nicht reisen können, ist das nicht möglich. Also gilt: Wenn die Menschen nicht zu uns kommen können, müssen wir zu den Menschen kommen!

 

So begannen wir schon letztes Jahr mit Vorträgen, die wir aufgezeichnet und später als Video ins Netz gestellt haben. Sie sind auch Grundlage für ein Buch, das in Bälde erscheint. Gegenwärtig bereiten wir schon die zweite Vortragsreihe vor. Da die Pandemie anhielt, entwickelte ich ein noch ein weiteres Format, das wir aktuell umsetzen: Talk-Runden mit drei bis vier Gästen, angeboten als Livestream und auch als Video. Darin greife ich aktuelle öffentliche Debatten, Bedürfnisse oder auch Vorwürfe auf. Diese werde in aller Regel als Frage formuliert und im Gespräch von verschiedenen Seiten beleuchtet. Entscheidend ist dabei die Recherche im Vorfeld, die Vorbereitung der Themen und Fragen sowie die Auswahl der Gesprächspartnerinnen und -partner. So entwickeln wir ein publikumsfreundliches Talk-Format, das uns erlaubt, in aktuelle Debatten einzugreifen und unsere Botschaften offensiv und positiv in die Welt zu tragen.

 

Ein wichtiger Beweggrund war auch dieser: Es wird in meinen Augen immer wichtiger, dass wir über unsere klassischen Formate (wie Bücher bzw. gedruckte Texte, Vorträge und Seminare) hinaus auch in den virtuellen Medien präsent und auffindbar sind und neue, moderne Formate entwickeln. Das ist vor allem für jüngere Menschen wichtig. Denn hier suchen und finden sie ihre Informationen. Nur wenige Jugendliche finden noch den Zugang über das gedruckte Werk Rudolf Steiners. Deshalb wollen wir attraktive Angebote entwickeln, die heutigen Mediennutzungs-Gewohnheiten entgegenkommen und dann vielleicht das Interesse entzünden, sich in Originalliteratur zu vertiefen.

 

SK: Welche Themen habt ihr Euch vorgenommen, was gibt es schon zu sehen?

 

GH: Ich habe zunächst vier Sendungen vorgeschlagen. Die erste fand am 18. März statt und trug den Titel:  "Letzte Rettung Impfung? – Was hilft uns aus der Pandemie?“ Wir haben aus dem Krankenhaus Havelhöhe gesendet. Meine Gäste waren Matthias Girke, Harald Matthes und Georg Soldner. Die Sendung war inhaltlich dicht, lebendig, informativ – sprich: ein großer Erfolg. Das gilt auch für das Publikumsinteresse. Über 2.000 Menschen haben sie live verfolgt. Für die Etablierung eines völlig neuen Formates auf einer noch unbekannten Adresse im Internet ist das wirklich enorm viel. Und der Zuspruch wächst in beeindruckender Weise weiter. Inzwischen haben schon über 13.000 Menschen diese Pilotsendung angeschaut. Das könnte bedeuten, dass viele nur auf ein solches Angebot gewartet haben, und es weist zugleich darauf hin, dass viele, die sie gesehen haben, die Sendung ganz offensichtlich weiterempfehlen.

 

Die nächsten Sendungen stehen schon fest. Sie werden ebenfalls wichtige aktuelle Fragen aufgreifen. Auf die Sendung mit dem Titel  "Corona – wie geht es unseren Kindern? - Wie helfen wir unseren Kindern und Jugendlichen in der Pandemie?“ folgt eine zum Thema "Alles nur Hokuspokus? – (Wie) wirkt das Geistige in der Landwirtschaft?“. Den Reigen beschließt (vorläufig) die Sendung: "Bürgerrechte in der Krise? - Verändert die Pandemie unsere Demokratie?“. So viel ist heute schon geplant. Aber wenn die Sendung weiter auf ein so großes Interesse trifft, wird es selbstverständlich weitere Folgen geben.

 

SK: Wohin soll sich das Projekt entwickeln?

 

GH: Wir gewinnen so ein Medium, das uns erlaubt, in aktuelle Debatten einzugreifen und unsere Botschaften offensiv und positiv in die Welt zu tragen. Wir schaffen damit auch eine Plattform, auf der wir, wenn auch vorerst mit begrenzter Reichweite, zunehmenden Diffamierungen und unseligen Angriffen durch andere Medien begegnen können. Vor allem aber erreichen wir auf diese Weise viele, vor allem auch jüngere Menschen, die wir sonst nicht erreichen würden. Und wir brechen die oft auch selbst gewählte gesellschaftliche Isolation ein Stück weit zu den anderen Menschen hin auf, erheben unsere Stimme und mischen uns ein in den öffentlichen Diskurs, das allgemeine Geistesleben unserer Zeit.

 

Wichtig ist: Wir machen nicht Videos, sondern führen Gespräche. Live. Wie in einem Talk-Format. Die Leute wollen am liebsten konkrete Menschen sehen. Sie wollen ihnen beim Denken und Sprechen zuschauen. Wollen sehen, wie sich eine Frage, wie sich ein Gedanke entwickelt, wenn er von verschiedenen Seiten, durch verschiedene Gesichtspunkte, Charaktere, Temperamente, Erfahrungsweisen belichtet wird. Darüber kann man sich erheben, aber ich tue das nicht. Im Gegenteil: Ich kann das gut nachvollziehen. Es gibt ohnehin kaum etwas Lebendigeres und Interessanteres als Menschen. Und wiederum wenig Belebenderes und Erhellenderes als ein Gespräch. Denn das regt das Denken an. Man vollzieht die Gedanken der anderen mit und setzt sie zu den eigenen in ein Verhältnis. Wenn es gutgeht, gewinnt man Anregungen für das eigene Nachdenken und Leben, die über den Tag hinauswirken.

 

So wollen wir Anthroposophie präsentieren: lebendig, diskursiv – und immer persönlich. Das heißt auch: Hier wird nichts verkündet. Schon gar nicht ex cathedra. Es geht nicht um den einen, einzig richtigen, allgemein verbindlichen Standpunkt. Es geht nicht darum, was „die Anthroposophie“ sagt. Vielmehr geht es darum, was ein bestimmter Mensch in einer bestimmten Situation sagt. Es geht gerade um die Lebendigkeit und Vielschichtigkeit der Anthroposophie. Darum, wie sie in Menschen lebt. Wenn es gut geht, zeigt sie sich nicht eintönig und eindimensional, nicht grau, sondern wie der Regenbogen in der größten Farbigkeit. Denn wo sie in Menschen lebt, lebt sie immer individuell – und immer dort, wo sich materielle und geistige Welt in je ganz einzigartiger Weise durchdringen.

 

SK: Vielen Dank für die Antworten!

 

Gerald Häfner, Mitgründer und ehemaliger Abgeordneter der Grünen im Bundestag und EU-Parlament, leitet heute die Sozialwissenschaftliche Sektion am Goetheanum und ist zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation am Goetheanum.

 

zu Goetheanum.TV >