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19.02.2021 17:34 Alter: 15 days

Corona und die Folgen

Anthroposophen als „Nährboden“ für Verschwörungsnarrative?


Grafik: S.Knust

Die anthroposophische Bewegung steht in der Kritik. Einige Artikel in Zeitschriften sehen in der esoterischen Szene den „Nährboden“ für Verschwörungsmythen und den Ursprung der Corona-Leugner, auch bei den Anthroposophen. Bei Querdenker-Demonstrationen werden Waldorflehrer ausgemacht, anthroposophische Medizin setzt angeblich auf homöopathische Kügelchen gegen das Virus und überhaupt, staatlich verordnete Maßnahmen scheinen in diesen Kreisen nicht wirklich ernst genommen zu werden. Wir haben hier ein Glaubwürdigkeits-Problem. Stimmt das eigentlich? Oder handelt es sich hier ebenfalls um einen Mythos, der von den längst bekannten Kritikern der Anthroposophie wieder neu aufgelegt wird?

 

Ich halte diese Diskussion für komplex und nicht leicht zu beantworten. Haben die Verschwörungstheoretiker immer unrecht? Sind sie verbrämte „Jenseitige“ oder ist doch etwas dran? Wie ist es, wenn hier die Maßnahmen als überzogen gesehen werden, der Rechtsgrundlage entbehrend? Wie ist es, wenn hier im Gegensatz zu allen öffentlichen Statements der Politiker ein Impfzwang vorausgesagt wird? Natürlich sind die Narrative eines Komplottes der Pharma-Industrie, einer beabsichtigten Totalüberwachung der Bürger, der beabsichtigten Implantation eines Chips in den Körper des Menschen, von der Q-Anon Bewegung mit ihren bizarren Theorien (eine satanische Elite entführt und tötet Kinder) usw. ziemlich abstrus und entbehren jeder rationalen Grundlage. Möglicherweise kommt der Impfzwang aber doch – wenn auch durch die „Hintertüre“. Sichere Fakten dazu gibt es ebenfalls nicht. Die gibt es aber auch nicht zu den Impfrisiken, die gibt es auch nicht über die Viren-Mutationen usw. Das macht die Sache so schwierig.

 

Ich sehe verschiedene Qualitäten in den Verschwörungstheorien und ich denke, dass hier eine Klassifizierung vielleicht helfen kann. „Corona-Leugner“, die die Realität des Virus nicht sehen, sind anhand der konkreten Infektionen nicht ernst zu nehmen, Verschwörungsmythen, wie oben beschrieben, ebenso wenig. „Corona-Maßnahmen-Kritiker“, sofern sie begründete Argumente vorbringen, die sich auf rationale und sachliche Grundlagen stützen, aber eben doch. Immer ist dabei entscheidend, ob eine Bereitschaft zum Diskurs vorliegt, eine Bereitschaft, eigene Argumente zu überprüfen, andere Argumente zu akzeptieren oder mindestens für möglich zu halten. Im „Mainstream“ der Öffentlichkeit findet die Komplexität der Lage jedoch wenig Raum für eine kritisch-sachliche Auseinandersetzung. Die Gesellschaft ist derzeit gespalten, die Fronten verhärten sich. Eine eigene Urteilsbildung ist gefragt.

 

Wir haben einige Zuschriften aus unserem Umkreis erhalten, die sich dezidiert gegen Verschwörungstheoretiker und Verschwörungsmythen richten, und die der Auffassung sind, dass diese der anthroposophischen Bewegung – und ihnen selbst – schaden. Deshalb hier im Newsletter der Abdruck zwei solcher Stellungnahmen, die vielleicht einen Einblick geben können, wie die persönliche Betroffenheit der Autoren entstanden ist und warum sie in diesen Vorgängen ein Problem sehen.

 

Michael Schmock, Generalsekretär der AGiD

 

 

 

Ich gestehe, dass ich mich ziemlich ratlos fühle…

 

Ich erinnere mich noch gut. Es war ein sonniger Tag Ende April. Ich ging mit einer Freundin, die ich schon seit vielen Jahren kenne und mit der ich in unseren Gesprächen eine breite Palette von gemeinsamen Themen habe, in der Nähe des Hamburger Hafens spazieren. Es war ein gutes und intensives Gespräch, das wegen der Corona Beschränkungen draußen stattfinden musste. Beide kennen wir die Anthroposophie schon sehr lange. Natürlich gab es bei unserem Spaziergang auch das Thema Corona und in der Folge eine rege Diskussion zwischen uns bezüglich der Ursachen und der Auswirkungen dieser so einschneidenden Maßnahmen des Lockdowns.

 

Ich beschrieb ihr, dass ich in letzter Zeit sehr genau verfolgt habe, was in Politik und Wissenschaft diskutiert wurde und ich ein sehr gutes Gefühl in Bezug auf eine professionelle Krisenbewältigung durch Wissenschaft und Politik habe. Das gipfelte in der Aussage von mir, dass ich froh bin in dieser Zeit in Deutschland zu sein. Dann plötzlich höre ich von ihr über Bill Gates, einen übermächtigen Staat, der uns allen über eine Impfung Schaden zufügen will. Alle stecken unter einer Decke. Staat, Presse, Wissenschaft, Parteien. Ein bedrohliches Szenario. Mir bleibt fast die Luft weg. So etwas hätte ich vor Kurzem nicht mal denken können. Und ich spüre, wie sich ein Graben zwischen uns auftut. Ein breiter und tiefer Graben, der uns bis heute beschäftigt und unsere Zusammenkünfte unberechenbar und hochemotional macht. Zum Glück wollen wir uns weiter begegnen. Aber es ist nicht einfach.

 

Ähnliches, aber doch in ganz anderer Form erlebte ich im Steiner Haus. Seit 40 Jahren bin ich nun Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. Im Steiner Haus wurden in letzter Zeit schwerpunktmäßig Personen eingeladen*, die Meinungen äußern, die ich für falsch, unwissenschaftlich und antidemokratisch halte. Das hat mich sehr irritiert!

 

Da ergeben sich für mich Fragen, die mich nach der langen Zeit meiner Mitgliedschaft in der AG sehr beschäftigen: Kann es sein, dass im anthroposophischen Umfeld eine gewisse Neigung besteht, Narrativen zu folgen, die in Richtung Verschwörungserzählung gehen? Ist das Verhältnis innerhalb der anthroposophischen Bewegung zur Wissenschaft geklärt und ist deren Inhalt und Vorgehensweise überhaupt bekannt? Besteht Interesse an Politik und wird verstanden, gesellschaftspolitisch gesehen, was gerade geschieht? Haben „wir“ vielleicht ein elitäres Bewusstsein? Sind wir in der anthroposophischen Bewegung diejenigen, die Einsichten haben, die dem Normalbürger verborgen sind oder die er verschlafen hat?

 

Die Liste meiner Fragen ließe sich fortsetzen. Sicherlich spreche ich bei den mit der Anthroposophie verbundenen Menschen über eine sehr heterogene Gruppe. Es gibt auch sehr viele reflektierte Meinungsäußerungen und darüber bin ich froh. Dennoch bleibt meine bohrende Frage, ob es „systemische“, aus der Bewegung der Anthroposophie kommende Haltungen, spezifische Argumentationsmuster, Verhaltensweisen usw. gibt.

 

Ich gestehe, dass ich mich ziemlich ratlos fühle. Wie kann ich mit den manchmal so stark divergierenden Meinungen umgehen? Ich leide erheblich, denn es schmerzt, wenn das Verhältnis zu guten Freunden belastet ist, die gemeinsame Verständnisbasis schwindet und ich mich frage, in welcher Art von Gesellschaft ich Mitglied bin.

 

 Hans-Wilhelm Knost, Hamburg

 

*Die oben genannte Aussage wurde  von der Redaktion nicht überprüft!

 

 

 

Ich fange an, Angst zu haben...

 

…vor Wutbürgern, Populisten, Verschwörungsgläubigen… und bemerke, dass ich selbst wütend werde. Ich sah mir gestern u.a. diese Bilder aus Washington an: https://www.spiegel.de/politik/ausland/kapitol-in-washington-d-c-mit-der-faust-gegen-die-pressefreiheit-a-ae3fc1a6-598c-4e21-b12b-7da465b2058e Menschenmassen voller Wut und Hass. Ähnliche Bilder musste ich letztes Jahr aus unserem Land u.a. von sogenannten „Querdenken“-Demos sehen.

 

Mir geht es nicht mehr gut, seit ich weiß, dass es auch in meinem Umfeld Leute gibt, die Schuldzuweisungen und Feindbilder kreieren, Verachtung und Hass auf Politiker, Journalistinnen, Wissenschaftler, Unternehmerinnen ausschütten.

 

Nein: keine geheime Menschengruppe hat Viren erfunden oder erzeugt oder will uns mit Impfungen ausrotten oder schaden. Das ist verquirlte Verschwörungsfantasie, vernebelt den Verstand und entzweit die Menschen. Alles klar?

 

Am schlimmsten finde ich, wenn Leute, die sich für spirituell (oder anthroposophisch) halten, irgendwelchen sich harmlos gebenden Demagogen z.B. aus dem Umfeld von „Rubikon“ hinterherlaufen – und dies dann noch als Kampf für „die“ Wahrheit, für Freiheit, Frieden, Demokratie, Erleuchtung, Liebe und Licht ausgeben. Worte, die mir viel bedeuten und die seit dem vergangenen Jahr noch mehr missbraucht wurden als vorher schon.

 

Wie groß muss die Verunsicherung und Verzweiflung über die Komplexität unserer Welt sein, darüber, dass unsere Fragen nach „der Wahrheit“, nach Gut und Böse, Richtig und Falsch zu keinen eindeutigen und schon gar nicht zu dauerhaft gültigen Antworten führen?

 

Ist die Welt einfacher zu ertragen, wenn ich „Schuldige“ definiere, Feinbilder aufbaue, mich in Echokammern verschanze? 

 

Neu ist an dieser Haltung gar nichts. Schon im Mittelalter hat man Juden, Ketzer oder „Hexen“ für Epidemien verantwortlich gemacht und seit dem 19. Jahrhundert wurden Impfungen mit den teils absurdesten Begründungen abgelehnt. Beispiel:

 

1881 erschien die einflussreiche Kampfschrift „Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage. Mit einer weltgeschichtlichen Antwort“ von Eugen Dühring, einem der wichtigsten Vordenker des späteren Nationalsozialismus und der mit ihr verbundenen Rassenlehre. In ihr behauptete er, das Impfen sei ein Aberglaube, von jüdischen Ärzten aus Gründen der persönlichen Bereicherung erfunden. https://de.wikipedia.org/wiki/Impfgegnerschaft

 

Klarstellung

 

Nein, ich finde nicht alles gut, richtig und glaubwürdig, was Politikerinnen, Journalisten und Wissenschaftlerinnen aus dem „Mainstream“ sagen und tun.

 

Nein, ich kann Dir keine eindeutigen Wahrheiten zu Viren, Impfungen, Schutzmaßnahmen und anderen Themen anbieten.

 

Ja, ich beobachte mit Sorge, wie jetzt einige Reiche reicher werden und andere verlieren, wie Arme, Kranke, Alte, Kinder, wir alle, leiden und überfordert sind, vor allem in südlicheren Weltregionen.

 

Ich beobachte mit Sorge, ob soziale Gerechtigkeit, Klima- und Umweltschutz Rückschläge erleiden – oder sich Chancen auftun und ob diese von uns und unseren (hierzulande demokratisch gewählten) Regierungen ergriffen werden.

 

Ich beobachte mit Sorge, ob sich – derzeit notwendige – Schutzmaßnahmen verselbständigen, wie Digitalisierung zu mehr Entfremdung führt und zu dauerhaftem Kontrollmissbrauch führen kann.

 

Nein, ich glaube nicht, dass mächtige geheime Bündnisse sich die Weltherrschaft aneignen wollen. Es ist leider sehr viel komplexer und deshalb schwerer zu lösen.

 

Ich ziehe meinen Hut vor all den Menschen, die in Politik, Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft derzeit Verantwortung tragen und dabei nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Das sind nicht wenige, weltweit. Schlimm, dass sie oft Shitstorms, Hass, Bedrohung, Gewalt ausgeliefert sind. Wie soll das jemand auf Dauer aushalten, ohne zu verhärten oder aufzugeben?

 

Ja, ich bleibe skeptisch und wach und hoffnungsvoll und vertrauensvoll.

 

Johannes Jorberg, Bochum