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23.11.2020 08:21 Alter: 65 days

…den suchenden Seelen dienen

Rückblick auf den Zweig- und Gruppentag am 24. Oktober 2020 in Kassel


Ausschnitt Tafelanschrieb

Der starke Wunsch nach neuen Ansätzen und Wegen

 

Ist Zweig- und Gruppenleben in der Anthroposophischen Gesellschaft überhaupt ein Thema, für das es Gesprächsbedarf und gegenseitiges Interesse gibt, haben wir als Vorbereiter uns manches Mal gefragt. Eine große Freude war es, dass sich fast 60 Personen für die Veranstaltungen angemeldet hatten, trotz der besonderen Umstände in diesen Zeiten.

 

Was aber sind die brennenden Fragen, die besprochen werden wollen? Als ein zentrales Arbeitsfeld tauchte immer wieder das Bedürfnis auf, von einem Wissen zu einem eigenen Erleben kommen zu wollen. Wie kann man im Rahmen einer Zweig- oder Gruppengemeinschaft zu eigenem Erleben kommen oder sich darüber austauschen? Welche Arten der Gesprächsführung eignen sich hierfür? Wie können sich Wissen und eigenes Erleben harmonisch ergänzen? Wie gehen wir mit Hindernissen um?

 

Ein weiteres Feld umfasste das Bedürfnis nach einer Vertiefung der Begegnungsebene, der Gemeinschaftsbildung, dem Wunsch, den anderen besser kennenlernen zu wollen. Auch lebte die Frage: Wie erreichen wir jüngere Menschen, Menschen aus den Lebensfeldern und wie finden unsere Erkenntnisse einen Bezug zu unserem Alltagsleben? Wie werden sie wirksam in der Welt?

 

Deutlich ist mir ein sehr waches Problembewusstsein vieler Teilnehmenden bei diesen Fragen geworden. Der Gesprächsbedarf richtete sich auf konkrete neue Ansätze, Methoden und mögliche Entwicklungsimpulse. Für ein weiteres Treffen würde das für mich heißen: Wir vermeiden zu viele und zu allgemein gestellte Fragen. Wir versuchen stattdessen anhand von exemplarischen Themen mehr in die Tiefe zu gehen, neue Methoden kennenzulernen und gemeinsam zu erproben. In den thematischen Arbeitsgruppen lag für mich ein erster Ansatz in dieser Richtung. In der Arbeitsgruppe zur Gesprächskunst gab es z.B. keinen intellektuellen Austausch über Gesprächsführung, sondern sie vereinigte den Wunsch nach eigenem Erleben und echter menschlicher Begegnung.

 

Insgesamt möchte ich mich für die positive Gesprächsatmosphäre bei allen Teilnehmenden bedanken. Auf der einen Seite wurden interessante individuelle Sichtweisen geäußert – aber mit dem Verzicht, zu sehr darauf zu beharren. Auf der anderen Seite lebte ein echtes Interesse für die Sichtweise des anderen, das durchaus auch einmal eine „unerlöste“ kontroverse Meinung zu ertragen in der Lage war. Diese Haltung machte Freude und Zuversicht für eine Fortsetzung dieser Arbeit.

 

Anke Steinmetz | Bremen, AZ Nord | Mitglied der Vorbereitungsgruppe

 

 

 

Frischkost für die Seele

 

Kochkurse stehen heute hoch im Kurs. Für unseren Leib sorgen wir auf die bestmögliche Art und Weise. Aber wie sieht es mit Seele und Geist aus? Finden wir auch, was sie als Nahrung brauchen? „Den suchenden Seelen dienen“ war der Impuls, der uns nach Kassel führte, um uns darüber auszutauschen. Im anthroposophischen Zentrum trafen sich so viele Menschen, wie unter Corona-Bedingungen möglich war. 55 Teilnehmer aus ganz Deutschland sowie Joan Sleigh (Vorstandsmitglied Goetheanum) und Andreas Heertsch aus Dornach, die ebenfalls diese Fragen bewegen, trafen sich zum Austausch.

 

Welche Formen der menschlichen Zusammenarbeit gibt es an den einzelnen Orten, welche Erfahrungen werden gemacht und welche Fragen ergeben sich daraus? Die gefundenen Fragen wurden dann in Kleingruppen vertiefend bearbeitet und nach Lösungsmöglichkeiten gesucht. Angeregt, impulsiert und hoffnungsvoll wurde uns deutlich, dass diese Arbeit erst ein Anfang war. Wenn wir nicht im Traditionellen verharren wollen, ist es gut, immer wieder einmal den Blick über das lokale Geschehen zu erweitern und im Miteinander Zukunftsperspektiven zu entdecken. Auch Seele und Geist brauchen Frischkost, damit sie sich entwickeln können. 

 

Klaudia Saro | Essen

 

 

 

Wege zu einer fruchtbaren Zweigarbeit

 

Geeint hat die Teilnehmenden sicher, dass sie in der Anthroposophischen Gesellschaft etwas Berechtigtes erkennen, für dessen Weiterentwicklung sich ein möglichst geistesgegenwärtiges Engagement lohnt. Den Gesprächsbeiträgen war zu entnehmen, dass die Arbeit in Zweigen oder offenen Gruppen den Beteiligten geistige und seelische Fortschritte ermöglicht hat, auch wenn viel von inneren und äußeren Konflikten die Rede war. Rudolf Steiner hat auf dieses Konfliktpotential hingewiesen. Das teilweise Leiden aneinander gehört zum Vorgang des „Erwachens am Geistig-Seelischen des anderen“, aber natürlich auch die (Erkenntnis-)Freude, die man anderen verdankt. Beides schildert Steiner als eine Voraussetzung für ein sozial wirksames Studium der Anthroposophie. Die Fallen, in die wir tappen können, aber auch die Befreiungsmöglichkeiten hat er in den Briefen an die Mitglieder 1924 geschildert. Er spricht z.B. von einem Hang zum Sektierertum oder von schwärmerischen Tendenzen, die sich Menschen gegenüber entwickeln können. Ein heute eher im Verschwinden begriffenes ausführliches Ausbreiten eigener Gedankengänge hat er einmal als „geistigen Egoismus“ gekennzeichnet.

 

Im Gespräch wurde geschildert, dass aktive Zweigmitglieder durch ihre Unentbehrlichkeit in Führungsrollen gedrängt wurden, in denen sie sich dann eingerichtet haben. Die Aufforderung von Rudolf Steiner lautet, nicht vor den Schwierigkeiten wegzurennen, sondern zur Veränderung beizutragen.

 

In der Arbeitsgruppe, an der ich teilnahm („Der Zweig als Übungsfeld für soziale Vorgänge“), unterhielt man sich über mögliche Hilfen und Themen, die eine fruchtbare Arbeit gewährleisten könnten. Zum Beispiel Übungen zur Selbsterkenntnis machen (Christoph Lindenaus Buch „Der übende Mensch“ wurde erwähnt). Auch Formen von Supervision wurden für denkbar gehalten. Man könne die Zusammenarbeit mit den Verstorbenen suchen und sich auf eine solche vorbereiten. Weltoffenheit und Weltinteresse sind eine Voraussetzung für Menschenbegegnungen. Das bedeutet, dass man eventuelle Vor-Urteile überwinden können sollte. Die Bildung von „Gruppen auf sachlichem Felde“ mit eigenen Themen außerhalb der Zweigstruktur ermöglicht eine Öffnung für an diesen Themen Interessierte, jüngere und ältere. Es zeigt sich, dass es keine „Patentrezepte“ für die Lösung von Problemen gibt, sondern dass Menschen mit gutem Willen und mit Initiativkraft vor Ort geistesgegenwärtig und wahrhaftig zu Entwicklungen beitragen können. Immer wieder beobachte ich, dass jeder Mensch ein Gespür für die Anwesenheit oder Abwesenheit des Geistes in einer Zusammenkunft hat, selbst wenn es ihm nicht voll bewusst wird.

 

Das Treffen war für mich aus zwei Gründen fruchtbar: Erstens gab es bereichernde Begegnungen mit bisher unbekannten Menschen, und zweitens habe ich neue Anregungen für die äußere und inhaltliche Gestaltung unserer Zusammenkünfte im Geiste der Anthroposophie erhalten, die den Ernst eines „umgekehrten Kultus“ haben sollen. Ich werde das Treffen in guter Erinnerung behalten.

 

Michael Munk | Zweig Kassel

 

 

 

Dem Einzelnen wirklich begegnen

 

Beim Vorstellen der Anliegen zu diesem Tag konnte ich innerlich besonders gut einsteigen bei folgenden Themen: Wie kann das Hören (nicht nur das Sprechen) in unserer Zweigarbeit noch mehr geübt werden? Das gegenseitige Steigern des geistigen Arbeitens im alleinigen Studium „zu Hause“ und ergänzend dazu das lebendige Gespräch in der Gemeinschaft im Zweig – wie gestalte ich das fruchtbar? Wie kann die Meditationsarbeit an den Klassenstunden im Zweigleben fruchtbar werden?

 

Die letzte Frage wurde in meiner Arbeitsgruppe nicht explizit bearbeitet, klärte sich für mich aber implizit. Jede meditative Einzelarbeit fließt wiederum in die Arbeitsgespräche am Zweigabend ein, besonders wenn das gegenseitige Zuhören geübt wird. Und sehr kostbar ist es, wenn – wie bei uns in Bremen monatlich vollzogen – in einer besonderen Gesprächsgruppe die (etwa zwei Wochen) zuvor gehörten Klassenstunden selbst zum Gesprächsthema gemacht werden.

 

Mir wurde immer wieder während dieses Tages bewusst, wie sehr wir doch alle das Ernährende und Belebende des (Erkenntnis-)Gespräches suchen. Jemand in meiner Gruppe sagte: „Ich möchte aber auch jedes Mal meine Mitmenschen irgendwie neu kennengelernt haben, dem Einzelnen wirklich begegnet sein.“ Ja, darum geht es! Indem wir gemeinsam auf ein Herzens-Anliegen (ein Thema) schauen und wahrnehmen, wie die/der andere damit umgeht und welche Erlebnisse er/sie daran hat. Kommen Machtfragen irgendwelcher Art ins Spiel, ist dieses Ziel sofort aus dem Auge verloren. Es wurden Beispiele geschildert, wie mit solchen Situationen sinnvoll umgegangen werden kann, nämlich indem solche „Bestrebungen“ sehr früh angesprochen werden. Gut ist es, wenn ein Initiativkreis sich regelmäßig trifft, um das soziale Geschehen im Zweigleben verantwortlich im Bewusstsein zu tragen.

 

Sehr befriedigend fand ich, dass wir im Schlussplenum noch begonnen haben, unterschiedliche Arbeits- bzw. Forschungsfragen zu formulieren. Es wird spannend sein, die gewonnenen Erfahrungen nach einem Jahr im Gespräch auszutauschen. 

 

Wolfgang Haake | Novalis-Zweig, Bremen   

 

 

 

Ein neues Hören entwickeln

 

Dieser beeindruckende Tag war so hervorragend organisiert, dass bewegtes Leben in Ideen und Gesprächen Raum finden konnte. Ich habe eine Vielzahl von Fragen mitgenommen: Wie gelingt es mir, den suchenden Seelen innerhalb unserer Kreise so zu dienen, dass Hindernisse im gegenseitigen Verstehen, im Umgehen mit Anthroposophie, in unserer individuell geprägten Sprache überwunden werden können? Vielleicht kann ich ein neues Hören entwickeln. Höre ich mir selbst zu, wenn ich spreche, und fühle ich mich genügend in die anderen hörenden und sprechenden Menschen ein? Höre ich die Zukunft sprechen? Nehme ich die Menschenseelen wahr, die geistig anwesend sind und sich helfend beteiligen wollen?

 

Wie gelingt es mir, den suchenden Seelen außerhalb unserer Kreise so zu dienen, dass ich dem Ruf nach Spiritualität ein Echo entgegenbringe, das nicht bewertet, beurteilt und trennt? Kann ich eine bescheidene, offene Haltung und Geste entwickeln, die den Zeitgenossen zeigt, dass ich selbst eine Suchende bin? Wie finden wir in der Zweigarbeit Wege heraus aus der Absonderung in ein Erhalten und Wachsen der Substanz gebenden Kräfte, so dass diese Kraftströme erneuernd ausstrahlen?

 

Als Zeitgenossin suche ich neue Formen der Begegnung mit anders-denkenden, -fühlenden und -wollenden Menschen. Wie wirkt der Satz: „Ich gehe in den Zweig“ auf den suchenden Menschen? Welche Vorstellung bildet sich in ihm, wenn er mich „beim Worte nimmt“? Verholzung?

 

Am Ende dieses gelungenen Tages nahm ich den Willensimpuls in mich auf, der Frage aufmerksam forschend nachzuspüren, wie Absonderung nach innen und nach außen entsteht, an welche Barrieren wir dadurch stoßen und welche Kraft, welches Licht ich entwickeln kann, um fest gewordene Formen wärmend zu bewegen.

 

Annette Stoll | Zweig Kassel

 

 

 

Wie entsteht ein Erleben des Geistigen?

 

Der Titel der Veranstaltung „…den suchenden Seelen dienen“ regte mich schon im Vorfeld zum Nachdenken an. Denn darin liegt ein sehr edles Ziel mit dem Anspruch an Selbstlosigkeit sowie ein konkretes Angebot für Menschen, die im Innersten mehr suchen, als es das allgemeine Leben bietet.

 

Was suchen denn eigentlich die Seelen? Rudolf Steiner drückt sein Anliegen in „Etwas von der Stimmung, die in den Zweigveranstaltungen leben sollte“ (Leitsätze) sehr direkt aus: „In jeder sachgemäßen Art sollte von den tätigen Mitgliedern bedacht werden, wie dieses Erleben des Geistigen in der anthroposophischen Arbeit erreicht werden kann.“ Das Erleben des Geistigen – wie entsteht das konkret?

 

In meiner Arbeitsgruppe zur Methodik fand ich dazu einige gute Ansätze. Sie begann mit der Frage: Wie kommt man vom Intellektuellen ins Bildhafte? Das knüpfte an die Tafelbilder Rudolf Steiners an, der ja selbst vor dem Problem stand, eine Ausdrucksweise für das von ihm geistig Geschaute zu finden. Wir besprachen die Möglichkeit, Tafelbilder zu entwickeln, die dabei helfen können, das Wesentliche in der Textarbeit auch bildhaft nachzuvollziehen. Ich möchte bis zum nächsten Treffen damit experimentieren, in der guten Hoffnung, gemeinsam in der Zweigarbeit näher an Steiners Imaginationen heranzurücken und damit das Geistige erlebbar zu machen. Meine Erfahrung ist außerdem, wenn es gelingt, das Wesentliche zu erfassen, kann es die Gemüter friedlicher stimmen, so manche persönlichen Spannungen zurückweichen lassen und damit sozial gesundend wirken.

 

Regina Jungk | Heidelberg

 

 

 

Ein erster Schritt, dem weitere folgen sollten

 

Bereits in der Einladung zu diesem Treffen sind viele Fragen formuliert worden, deren mögliche Beantwortungen in fünf Arbeitsgruppen bewegt und diskutiert werden sollten. Diese Fragen gehören sicherlich zum gegenwärtigen Kernthema der deutschen Zweige. Umso erstaunlicher war für mich dann der Ablauf am Vormittag, als es darum ging, in Kleingruppen mit je zwei Teilnehmern der Vorbereitungsgruppe, die Themen für den Nachmittag aufzustellen. Kombiniert mit der Vorstellungsrunde stellte nun jeder seine Wünsche – manche sehr ausschweifend – vor, wobei es außerdem zu Begriffsklärungen kam, um festzustellen, ob mit drei oder vier genannten Themen nicht das gleiche gemeint war. Nun konnte man gespannt sein, wie die Vertreter der Vorbereitungsgruppe diese Statements weiterreichen oder bearbeiten würden. 

 

Am Nachmittag konnte man sich einem konkreten Thema in einer Arbeitsgruppe zuwenden. Ich empfand in der Arbeitsgruppe „Vom Text zum Bild – Methoden der Zweigarbeit“ die vorgestellte Methode als mögliche Bereicherung, den gelesenen Text verständlicher zu machen. Im anschließenden Gespräch kamen leider keine weiteren oder anderen Methoden zur Sprache, was zeitweise auch an einer Teilnehmerin lag, die wenig Gespür für andere Wortmeldungen hatte.

 

Ein großes Lob den Organisierenden der Vorbereitungsgruppe und den Kräften vor Ort in Kassel, dass solch ein Treffen in dieser dynamischen Coronazeit möglich war. Es war ein Start, kein Fehlstart, dem der weitere Lauf folgen sollte. Dieser könnte flüssiger erfolgen und ergiebiger sein, wenn die Moderation in den Gruppen deutlicher, geschickter und zielgerichteter als an diesem Tag ergriffen werden könnte. Die Vorbereitungsgruppe hat durch ihre überregionale Zusammensetzung aus vielen Arbeitszentren einen Einblick in die unterschiedlichen Vorgehensweisen der Zweige oder kann sie sich verschaffen. Da braucht es keine erneute „Basisarbeit“ zur Themenfindung. Und wer moderiert, sollte den Mut aufbringen, bei ausschweifenden und abwegigen Beiträgen und beginnenden Dialogen lenkend einzugreifen. Die Fragen waren bereits formuliert, viele Antworten müssen auch noch nach diesem Tag gefunden werden, wie auch das Abschlussplenum zeigte. Es ist zu überlegen, ob auf einem zweiten Treffen auch das Thema „Zweig oder freie Gruppe?“ aufgegriffen werden sollte. Ich habe leider keinen Vertreter einer freien Gruppe bemerkt.

 

Zum Abschluss erfreuten mich die Worte von Joan Sleigh (Vorstandsmitglied Goetheanum) besonders durch die Ankündigung, dass ein Schwerpunkt der zukünftigen Vorstandsarbeit in Dornach dem Leben und der Arbeit in den Zweigen gewidmet sein soll.

 

Burkhard Rodewald | Zweig Ottersberg