< 10 Jahre Sekretariatsarbeit bei der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland
16.07.2020 19:33 Alter: 104 days

Krise und Transformation

Was hat Corona mit dem Kongress „Soziale Zukunft“ gemacht?


Am 8. Juni hat sich erstmalig wieder das Kongress-Team in Stuttgart getroffen. Nach dem Corona-Einbruch gab es zunächst einen Schock. Wir hatten Verträge einzuhalten, Anzahlungen geleistet, Honorarzahlungen zugesagt, Kunstprojekte gestaltet usw. Was jetzt? Dann waren sich schnell alle Mitveranstalter einig: Der Kongress „Soziale Zukunft“ muss stattfinden! Mit neuen Akzenten entsteht er im Juni 2021, wie ursprünglich geplant auf dem Gelände der Jahrhunderthalle in Bochum. Jetzt gab es eine erste Besinnung: Was ist anders geworden? Welche Themen sind jetzt wichtig geworden? Wie gehen wir auf Juni 2021 zu? Dazu entstand eine Beratungsrunde mit den zwölf Team-Mitgliedern. Um den Vorgang auch für Menschen im Umfeld der Anthroposophischen Gesellschaft und darüber hinaus nachvollziehbar zu machen, melden wir uns hier mit einigen skizzenhaften Notizen aus dem Gespräch. Was dann schlussendlich entsteht, ist noch offen.

 

  • Wir erleben gegenwärtig individuelle und kollektive Verunsicherungen, Lähmungen, Ohnmacht. Komplexe gesellschaftliche Probleme werden sichtbar. Die gesellschaftlichen Systeme agieren ohne eindeutige und sichere Lösungsansätze. Die eigene innere Haltung wird für die Zukunftsgestaltung zum entscheidenden Faktor.
  • Erstmals in der Geschichte gibt es eine synchrone, globale Menschheitserfahrung. Die Pandemie betrifft alle Kontinente. Die ganze Welt „rückt zusammen“ und Massendemonstrationen entstehen gegen die Einschränkungen der Freiheitsrechte, gegen Rassismus usw.
  • Es gibt eine neue Erfahrung: Der Organismus Menschheit und der Organismus Erde hängen zusammen.Die Erfahrung von Leben und Tod kommt näher. Die Empfindung dieser Schwellen werden kräftiger und deutlicher.
  • Nicht ein abstraktes „Wir“ verändert die Welt, sondern jeder Einzelne. Es geht um die tiefe Erkenntnis: Ich bin der Ausgangspunkt der Veränderung, ich bin für sie verantwortlich. Dabei steht die Selbstentscheidung „Wofür will ich stehen?“ im Vordergrund.
  • Die Zukunft lässt sich nicht einfach „linear“ denken. Entwicklung entsteht, wenn ich einen Schritt mache. Daraus entwickelt sich dann der nächste Schritt. Was entscheide ich heute? Es entstehen lauter „Neuheiten“ – jeden Tag! Diese Qualität könnte bleiben, dann würde die Welt authentischer.
  • Die Krise zeigt uns neue Qualitäten. Es geht nicht mehr darum, das Dunkle in der Welt zu bekämpfen, sondern darum, ins Dunkle Licht zu bringen! Das ist ein Lernschritt auf einer anderen Ebene. Mit Abgründen umgehen zu lernen. Lebenskompetenz heißt in dieser Situation: Ich bin mehr als mein jetziges Dasein! Es geht darum, Brücken zu bauen zwischen Diesseits und Jenseits.
  • Wir müssen nicht nur „Mut machen für den gesellschaftlichen Wandel“, sondern innere Lebens- und Seelenschichten stärken. Wie überwinde ich den inneren Abgrund? Wir brauchen ein großes Forum zum Thema Krise und Gesundheit. Die Überlebensthemen werden relevanter.
  • Wir brauchen Transformation. Jetzt umso mehr. Mehr Radikalität in dem, was sinnvoll machbar ist. Es geht um den Mut, weiter zu gehen als bisher. Das Ich kann in den sozialen Prozessen die „Spielregeln“ ändern. Das Soziale braucht einen neuen Sinn! Wie entsteht Raum dafür? Es geht nicht mehr um legal oder illegal, sondern um a-legal! Das heißt: Aus Freiheit etwas tun, aufstehen oder eben hinknien!
  • Die Erfahrung der bedrohten wirtschaftlichen Existenz bringt das Thema „Grundeinkommen“ noch stärker in den Fokus der „heilsamen“ Zukunftsaufgaben. Es gibt „Krisengewinner“ und „Krisenverlierer“. Man kann dieses Problem nur gesamtgesellschaftlich lösen. Die Frage nach einer solidarischen Wirtschaft wird noch aktueller.
  • Die moderne Zivilisation kommt durch die wirtschaftlichen Folgen der Krise noch mehr ins Wanken. Nicht nur, dass unzählige Kleinbetriebe dichtmachen müssen, sondern auch zum Beispiel die Kaufhof-Kette, die viele ihrer Standorte schließen wird. Wie werden sich die Innenstädte verändern? Was wollen wir in den Innenstädten haben? Freiflächen für Kreatives? Welche Bilder entstehen hier?
  • Wir brauchen zum Kongress noch jemanden, der oder die den gesellschaftlichen Wandel im Überblick beschreiben kann: Wofür sind die ganzen Krisen Signale und was entsteht dadurch neu in der Welt? Zum Beispiel nach der Finanzkrise, der Flüchtlingskrise, der Coronakrise usw.? An welchen Stellen ist der Himmel offen? Für was? Wie sehen heute Visionen für eine Gesellschaft aus, die wir wollen?

 

Auch das Thema „Freiheitsrechte und individuelle Verantwortung“ ist wichtiger geworden. Wir sollten unser Anliegen zur Bildung eines „Zivilgesellschafts-Parlaments“ weiter ausarbeiten und praktische, konkrete Schritte auf dem Kongress entwickeln.

 

In diesem Sinne entstand bei dem Treffen eine Art Besinnung auf das, was jetzt wesentlich sein könnte. Die Wendung von den „äußeren“ zu den „inneren“ Themen war für mich auffällig. Das Thema „Gesellschaftlicher Wandel“ wird jetzt ohne die „Innenseite“ der eigenen seelisch-geistigen Entwicklung nicht mehr denkbar und lebbar. Auch – oder gerade dadurch – entstand der deutliche Wille, dass wir ein weiteres Jahr zusammenbleiben, um das Event zu ermöglichen.

 

Das Kongress-Festival „Soziale Zukunft 2021“ findet vom 17.–20. Juni 2021 in der Jahrhunderthalle in Bochum statt. Wir alle sind gespannt, was dadurch in der anthroposophischen Bewegung sichtbar werden wird – gemeinsam mit allen anthroposophischen Verbänden und ca. 70 uns nahestehenden Zivilgesellschafts-Organisationen.

 

Michael Schmock