< "Das Leben hat sich so verändert, dass unser jetziges Programm darauf keine Antwort geben kann."
15.04.2020 15:31 Alter: 88 days

Erkenntnisse über Menschen nicht ausdenken, sondern an der Wirklichkeit gewinnen

Fiona Henze zu ihrem Forschungsprojekt „Biographie erkennen“


Zweige eines Baumes | Quelle: Pixabay

Vor Kurzem habe ich meine Bachelorarbeit in Philosophie mit dem Thema „Die Bedeutung des ‚Raumes offener Möglichkeiten‘ für die Existenz“ bei Heinrich Barth (1890–1965) abgegeben. Angeregt durch viele gedankliche Parallelen und weiterführende Differenzen zwischen dem Existenzphilosophen Barth und Rudolf Steiner habe ich mich daraufhin mit dem Forschungsprojekt „Wie erschließt sich der Erkenntnis das Individuelle einer Biographie?“ beworben.


Wenn es um den Menschen geht, besteht immer die Gefahr, dass er in seinem Wirklich-Sein einer Theorie zum Opfer fällt oder durch ein zu simpel gedachtes Menschenbild banalisiert wird. Mir ist sehr daran gelegen, dass wir unsere Erkenntnisse über Menschen, besonders, wenn eine bestimmte Individualität im Blickpunkt steht, uns nicht ausdenken, sondern an der Wirklichkeit gewinnen. Wie kann das gelingen?


Bei der Literaturrecherche zu anthroposophischer Biographiearbeit bin ich auf folgende Frage gestoßen: Warum wird auf der Suche nach neuen Gestaltungsimpulsen für die einzigartige, einmalige Biographie eines Menschen meistens von allgemeinen Ideen der menschlichen Entwicklung (Jahrsiebte, Spiegelungen etc.) ausgegangen? Müsste die individuelle Biographie nicht gerade mit möglichst unbefangenem, vorstellungsbefreitem Blick angeschaut werden, damit der Blick dem Einmaligen gegenüber aufgeschlossen ist? Schließlich haben wir es laut Steiner „mit einem Individuum zu tun, das nur aus sich selbst erklärt werden kann.“ (Philosophie der Freiheit, Tb. 627. S. 188). Dafür könnte das Erüben einer „reinen, ästhetischen Sicht“ notwendig sein wie Heinrich Barth sie beschreibt!


Welche Bedeutung kommt dann den allgemeinen Entwicklungsgesetzen des Menschen zu, denen er qua Menschsein unterworfen ist (beispielsweise unterliegt der physische Leib den Gesetzen des Heranwachsens und Alterns)? Wie sähe ein Umgang mit „der Idee menschlicher Entwicklung“ aus, sodass sie nicht in Form eines gewussten Schemas den Blick auf die Erscheinung einer Individualität verstellen? Wie kann das Verhältnis von Individualität zu allgemein Menschlichem begriffen werden?


Um jedoch über einen geeigneten Erkenntnisansatz bezüglich menschlicher Individualität zu sprechen, muss zuallererst behandelt werden, mit was wir es überhaupt zu tun haben: Was ist überhaupt menschliche Individualität?


Bei Barth tritt die individuelle Gestalt des Menschen ganz in die Erscheinung und ist nur auf diesem Wege einem Außenstehenden (z.B. für Biographieberater*innen) zugänglich. Allerdings kann sie nicht abschließend erfasst werden, es gibt unbegrenzte Gesichtspunkte und Perspektiven.

Steiner hingegen setzt etwas anders an: Als Individuelles charakterisiert er in seiner „Philosophie der Freiheit“ den persönlichen Bezug zu Begriffen, durch individuell dazu gebildete Vorstellungen und außerdem über persönliche Gefühle gegenüber Begriffen. Durch beides drückt er sein einzigartiges Verhältnis in Bezug auf das Allgemeine aus. Dies sind zumindest einmal Ansatzpunkte.


Auf der Suche nach einem auf „ästhetischer Sicht“ gegründeten Ansatz für Biographiearbeit versuche ich Rudolf Steiner und Heinrich Barth ins Gespräch zu bringen und eine philosophische Grundlage bezüglich der Erkenntnis von individueller Lebensgeschichte zu entwickeln.


Ich freue mich sehr über den Austausch mit praktizierenden Biographieberater*innen und Mitdenker*innen: fiona.henze@mailbox.org


Fiona Henze, 23 Jahre, wohnhaft in Leipzig, wo sie zurzeit an einigen Kunstkursen an der Akademie teilnimmt. Sie beschäftigt sich mit Philosophie (besucht Seminar des Philosophischen Seminars in Bernkastel Kues) und befasst sich mit dem Gelingen menschlicher Kommunikation. Nimmt außerdem Teil an der „Jugendakademie – Selbsterkenntnis, Welterkenntnis“ (anthroposophische Meditation und Eurythmie).