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Donnerstag, 28. Januar 2010

Soziale Vernunft freilegen

Gespräch mit Michael Schmock zu Motiven der Tagung "Zukunft der Arbeit - Karma des Berufs" in Bochum (24.-27. Juni 2010)

"Nach der Kohle wird jetzt eine andere Energie freigelegt: Soziale Vernunft"

Michael Schmock, verantwortlich für das Arbeitszentrum NRW und Mitglied des Arbeitskollegiums der Deutschen Landesgesellschaft, über inhaltliche Aspekte der Tagung "Zukunft der Arbeit - Karma des Berufs":

Herr Schmock, als Begriff und Lebensfaktor ist "Arbeit" seit jeher einem Wandel unterworfen. In Deutschland ging die Entwicklung von der Agrar- zur Industrie- hin zur Dienstleistungsgesellschaft. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts finden wir uns in einer ökonomisch weitgehend globalisierten Arbeitswelt wieder, die von zunehmenden Unsicherheiten geprägt zu sein scheint. Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus?

Schmock: 1995 lud Michael Gorbatschow fünfhundert Experten zum Thema "Zukunft der Arbeit im 21. Jahrhundert" ein. Dabei wurde deutlich, dass in nicht allzu ferner Zukunft 20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung ausreichen werden, um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten.

Diese 20 Prozent werden aktiv am Arbeitsprozess, am Verdienst und am Konsum teilhaben. Alle anderen werden am unteren Level der Existenz versorgt und unterhalten werden müssen. Eine Perspektive, die sich in der Globalisierung der letzten zwanzig Jahre in rasantem Tempo bestätigt.

Das ist die Verunsicherung: wer kann in Zukunft noch mit einem Arbeitsplatz und einer ausreichenden Versorgung rechnen? Angesichts dieser Situation kann man sagen, uns geht die organisierte und rechtlich fixierte Erwerbsarbeit aus.

Damit fängt das Problem aber erst richtig an! Der Arbeitsbegriff muss bis in seine rechtliche Verankerung hinein neu gedacht und umgesetzt werden. Wenn Arbeit nur noch eine Frage von Erwerbsarbeitsplätzen ist, gehen wir auf eine Katastrophe zu, welche die Menschen aufspaltet in solche, die am Wohlstand unserer Zivilisation teilhaben und solche, die bloße Versorgungsempfänger sind.

Das ist gegen die Menschenwürde und die Menschenrechte. Wir leben damit, weil bis in die Politik hinein scheinbar keine alternativen Konzepte mehr denkbar sind. Die Aufgabe besteht also darin, erst einmal den Begriff Arbeit neu zu denken und Mut für Alternativen zu entwickeln.

Wie bewerten Sie unter diesem Gesichtspunkt das Modell eines Grundeinkommens, das die historische Koppelung von Arbeit und Absicherung umgestaltet?

Schmock: Zunächst einmal brauchen wir ein neues Verständnis vom Wesen der Arbeit. Arbeit ist ein freier, schöpferischer Prozess, in den der Mensch seine Fähigkeiten einbringt. Die Koppelung an die Arbeit als "Kostenfaktor" im Produktionsprozess degradiert aber den Menschen zur auswechselbaren Maschine.

Unabhängig davon lebt heute ein Großteil der Menschen nicht von seiner Produktionsleistung, sondern durch die "Sozialleistungen" der Gesamtgesellschaft. Das sind nicht nur sogenannte Arbeitslose, sondern auch Kranke und alte Menschen.

Sie alle haben ein Grundeinkommen, das ihnen die Lebensbedürfnisse mehr oder weniger zur Verfügung stellt. In Krankheitsfällen und in der Rente ist diese Versorgung weitgehend bedingungslos. In der Arbeitslosigkeit hat die Vermittlung auf dem Arbeitsmarkt Priorität. Diese ist aber bereits heute für etwa 10 Prozent der Menschen aussichtslos, weil der Arbeitsmarkt eine Vollbeschäftigung immer weniger hergibt.

Wir brauchen keine Knechtschaft an den vorhandenen Arbeitsmarkt, sondern ein Freisetzen von Initiativen und Engagement.

Ich bin der Überzeugung, dass die weitergehende Entkoppelung von Arbeit und Einkommen ganz neue Berufe und Arbeitsfelder hervorbringen wird. Dies auszuloten, ist gerade eine Aufgabe der Tagung.

Die Tagung "Zukunft der Arbeit - Karma des Berufs" findet in Bochum, mitten im Ruhrgebiet statt. Gerade diese Region spiegelt den Wandel der Arbeitswelt in hohem Maße wider. Welche strukturellen, auch äußerlich sichtbar werdenden Prozesse scheinen Ihnen hier besonders signifikant?

Schmock: Kaum eine Region der Erde wurde so "durchgearbeitet" wie das Ruhrgebiet. Tausende Meter wurden unter Tage in die Erde getrieben, um die Menschen mit Energie, mit Kohle zu versorgen. Diese Ressource ist erschöpft.

Jetzt baut das Ruhrgebiet auf Dienstleistung und Kultur und wendet sich wieder neu den Menchen zu. Das Ruhrgebiet ist zu Ende und gleichzeitig am Anfang. Das Ruhrgebiet ist unglaublich innovativ in neuen sozialen Ausrichtungen, in Versuchen, das zu leben, was wirklich "dran" ist.

Der Kongress "Zukunft der Arbeit" hat im Ruhrgebiet eine riesige Chance. Nach der Kohle wird jetzt eine andere Energie freigelegt: Soziale Vernunft.

(Ausführliche Informationen zum Kongress unter www.anthroposophische-gesellschaft.org/index.php?id=457 ).

 

 

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