< AENIGMA in Halle/Saale
15.11.2015 01:47 Alter: 2 yrs

Kassel Spirituell im Dialog

Ein kleines Signal des Friedens


Dieser Erlebnistag am 14. November 2015 von 11 bis 18.30 Uhr wurde von vier spirituellen Gruppierungen aus Kassel vorbereitet – von Engagierten aus der „Internationalen Schule des Goldenen Rosenkreuzes“, des „Sufi-Zentrums Kassel“, des „Mehrgenerationenhauseses Heilhaus“ und der „Anthroposophischen Bewegung“.

 

Das Heilhaus, bis jetzt nur in Kassel und Berlin tätig, dürfte am unbekanntesten sein. Es wurde von Ursa Paul, einer Frau mit besonderen spirituellen Heilkräften, vor 25 Jahren gegründet und ist somit die jüngste der vier Gruppen. Das Anliegen des Heilhauses ist, den Menschen von der Geburt bis zum Tod zu begleiten. So gibt es ein von Hebammen geführtes Geburtshaus, eine Schule für schwerkranke Kinder, heilende Pflege sowie ein Hospiz mit besonderen Ritualen des Abschieds. Die medizinisch-soziale Versorgung und die meditative Praxis stehen dabei im Mittelpunkt. Bundesweit gehören 800 Mitglieder zur Heilhausgemeinschaft, davon Ieben derzeit 130 Menschen in der Siedlung in Kassel, ca. 50 von ihnen sind in helfenden- oder Heilberufen tätig. Die überwiegend ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen gehen einen Weg der Seelenentwicklung, der die altindische Chakrenentfaltung adaptiert und unserer Zeit angepasst hat. Die Heilmethoden sind sehr breit gestreut. Farben und Pflanzen, sowie Ernährung und Jahreszeitengestaltung spielen eine besondere Rolle.

 

Bei der Eröffnung von KASSEL SPIRITUELL erinnerte Liane-Heide Niederhoff, die Initiatorin des Ganzen, an das erste Begegnungsfest KASSEL SPIRITUELL am 16. November 2013, bei dem anläßlich des 1100-jährigen Stadtjubiläums von Kassel auch die spirituelle Seite des Ortes zur Erscheinung gebracht wurde. In zwei Jahren Vorlaufzeit hatten sich die spirituellen Gruppierungen gefunden, getroffen und kennen gelernt, hatten gemeinsam den Tag geplant und dann sich jeweils präsentiert. Es waren 600 bis 700 Teilnehmer über den ganzen Tag verteilt gekommen! Da es damals viele Fragen von den Besuchern gab, entschied sich die planende Kerngruppe für eine Weiterarbeit mit dem Ziel einer zweiten, diesmal aber ganz anders gegriffenen Veranstaltung. So bildete nun der Dialog den Schwerpunkt: sowohl der Gruppen untereinander, als auch geistesgegenwärtig mit den Besuchern in Themen- und Dialogforen.

 

Schon der Auftakt war dialogisch und deshalb ungewöhnlich. Die Mitwirkenden auf der Bühne kennzeichneten bei der Vorstellung ihre Gruppenzugehörigkeit mit farbigen Tüchern. Dann stellte sich jede Gruppe selbst vor, aber danach schilderten die anderen, was sie in der Zusammenarbeit als besonders erlebt hatten. Ein spiritueller Ansatz wurde also von Menschen anderer spiritueller Wege gespiegelt. Dieser interessante Versuch brachte neben deutlichen Unterschieden große Wertschätzung und gegenseitige Dankbarkeit zutage. Die etwa 120 Menschen im Saal merkten, dass hier eine Vertiefung in der gemeinsamen Arbeit stattgefunden hatte. Und - so wurde betont – es gab in den vier Jahren keine Missklänge oder Einbußen an Offenheit.

 

„Mitten durchs Herz zurück zum Ursprung“ war das neue Motto, mit dem Verena Förster das Streben der Schule des Rosenkreuzes vorstellte. Mit ihrer Anknüpfung an den „urchristlichen Einweihungsweg“ steht die Schule der Anthroposophie geistig am nächsten. Von den anderen wurde die „Unaufgeregtheit“, die ernste Suche und der Blick auf den Alltag hervorgehoben. Auch nahmen sie wahr, dass die Kasseler Schule des Rosenkreuzes aus ihrer bewussten, stillen Hinwendung zu den Kräften des Christus eine besondere Seelenartung erlangt hat. Zuletzt wurde gedankt, dass die Gruppe den Tempel der Rosenkreuzer besuchen und eine Handlung in ihm miterleben durfte.

 

Für das Heilhaus stellte Karin Flachmeyer in einer späteren Einführung ein Bild an den Anfang: einen Lebensbaum mit durchsichtigen Räumen auf den Ästen, in denen geboren, gelebt und gestorben wird. Dieser Traum von Ursa Paul wurde Leitmotiv für die Begleitung aller Heilbedürftigen und beim Hausbau für mehrere Generationen. Christina Tente kündigte beim Auftakt im Saal die Eröffnung eines neuen Mehrgenerationen-Hospiz im März 2016 an. Die Tagungsvorbereiter hatten das Heilhaus und seine Chakrenwege im Garten besuchen dürfen und waren beeindruckt von der sensiblen Farbgestaltung der Gebäude, vom feinen Blumenschmuck und der sorgsamen Essensbereitung. Auch der selbstverständliche, schutzgebende Umgang mit Geburt und Tod sowie eine Kultur der offenen Kommunikation untereinander wurden hervorgehoben.

 

Die Sufis sind die einzige Religionsgemeinschaft innerhalb der vier Gruppen, noch dazu aus einem ganz anderen Kulturkreis. Sie hoben sich nicht nur äußerlich (Männer in Turban und Pluderhosen mit weiten Mänteln) ab, sondern auch in der Art der Vorstellung. Ahmedullah Khalid, ein junger, bärtiger, aus Afghanistan stammender, akzentfrei deutsch sprechender Mann, fand zunächst Worte des Dankes und stellte seine Mitwirkenden, darunter einen Vertreter des „Meisters“ vor. Dann sprach er über die Sufi-Tradition ganz aus dem Herzen und rezitierte singend eine Koransure auf Arabisch. Von den anderen Gruppierungen wurde dieses selbstverständliche Glaubenszeugnis, gepaart mit Verehrungskräften, zunächst bestaunt. Durch die große Offenheit der Sufis für den geistigen Austausch entstanden bald Wertschätzung und ein ganz neues Verstehen des Islam. Dankbar schauten sie darauf zurück, dass sie dem „Fastenbrechen“, dem Zuckerfest am Ende des Ramadan, im Kreis der Gemeinschaft beiwohnen durften. Was sie schilderten, wurde auch während des Tages erlebt: hier wird ein ganz friedlicher, ursprünglicher und doch moderner Islam praktiziert, mit einer großen Kluft zu dem derzeitigen – und seit dem 13.11. verstärkten – Zerrbild, das die Öffentlichkeit von dieser Religion (vermittelt bekommen) hat. Mit charakteristisch orientalischer Verspätung und Würde zogen kurz nach dieser Vorstellung in einer kleinen Prozession mehrere, teils von weither angereiste Sufis in den Saal.

 

Bei den Anthroposophen wurde von ihren Mitvorbereitern besonders ein tiefes, beharrliches Streben nach Erkenntnis bemerkt, die Ausprägung der Spiritualität in vielen Lebensgebieten bewundert, die Bedeutung von Kunst und Kreativität hervorgehoben und Liane-Heide Niederhoff für die Initiative und das Durchtragen des Impulses gedankt. Auch dem Anthroposophischen Zentrum Kassel wurde für die Großzügigkeit beim Bereitstellen der Räume gedankt.

 

Nach diesem Auftakt konnten die Teilnehmer Fragen an jeweils eine Gruppe zu Aspekten der spirituellen Entwicklung stellen. Im Laufe des Mittags und Nachmittags wuchs die Besucherzahl auf etwa 300 an. Auf die Mittagspause folgten stündlich oder halbstündlich an die 20 Veranstaltungen. Es wurden einerseits „Dialogräume im Austausch mit den Teilnehmern“ angeboten. Vertreter aus jeweils zwei Gruppierungen eröffneten das Thema und bezogen dann die Anwesenden mit ein. Einige der Dialoge waren nicht abgesprochen und ereigneten sich ganz gegenwärtig. Andererseits gab es „Themenforen und Erfahrungsräume“. Dort konnte man z.B. einen Sufidrehtanz sehen und anfänglich probieren, Aurareinigungen des Heilhauses erleben, Räume der Stille aufsuchen (Meditationen mit Musik, Singen, Sprache, Naturvertiefung) oder künstlerische Erfahrungen mit Tonen und Malerden aus der ganzen Welt machen.

 

Im Dialograum „Inspiration und Intuition“, den Verena Förster (Rosenkreuzer) und Liane-Heide Niederhoff (Anthroposophen) eröffneten, entstand allmählich eine intensive Erkenntnisstimmung bei der Suche nach den Unterschieden und Entstehungsbedingungen von Inspiration und Intuition. Unter den 30 Anwesenden waren alle Altersgruppen vertreten die Jugendlichen brachten sich unbefangen ein.

 

Der zweite Dialog, an dem ich teilnahm, wurde von Viviane Clauss (Heilhaus) und Ahmedullah Khalid (Sufi-Zentrum) begonnen. Es ging um „Geburt, Leben, Sterben – Kreislauf des Lebens“. Spannend war die Auffassung von Ursa Paul, wir wüßten schon, wie Sterben gehe, wir müssten uns nur erinnern. In der Sufi-Tradition gibt es auf dem spirituellen Weg das „Stirb, bevor du stirbst“, was uns Europäern von Angelus Silesius bekannt ist. Außerdem bekommt jedes Kind der Sufis bei der Geburt einen Gebetsruf ins Ohr, der für die Sterbestunde bestimmt ist. Und da sich im Tod die Seele vom Körper befreit, so dass diese in ihren geliebten Gott eingehen kann, ist für einige Sufis der Tod ein Freudenfest. Das Gespräch brachte nahe, wie Tod und Geburt zusammen gehören und dass sie abgeschwächt auch im Leben dazwischen vorhanden sind.

 

Um 16 Uhr füllte sich der Raum, in dem der Dialog zu „Ein anderer Umgang mit dem Koran“ stattfinden sollte, immer mehr. Husamuddin Meyer stellte sich als gebürtiger Hesse, jetzt Iman und Islamwissenschaftler in Wiesbaden vor. Liane-Heide Niederhoff berichtete, dass sich acht Menschen von KASSEL SPIRITUELL ein Jahr lang mit dem Koran befasst haben. Dabei sei ihr die bewusste Offenheit und Vieldeutigkeit der Sprache im Koran zu Bewusstsein gekommen, die zu einem beweglichen Denken auffordere und in ihren spirituellen Möglichkeiten oftmals unterschätzt werde. Sie las zwei verblüffend unterschiedliche Übersetzungen der 53. Sure vor. Es wurde deutlich, welche Spannbreite der Koran bietet: er ist Lebensmittelpunkt für Millionen, die ihn einfach auswendig rezitieren und für Gelehrte mit spezieller Ausbildung ein unerschöpflicher Quell von Weisheit und geistiger Großzügigkeit. Iman Meyer schilderte, dass er sich bei seinem tieferen Eindringen in den Koran von Gott selbst ganz persönlich unterrichtet fühlte, und zwar über sein individuelles Leben. Auch die Radikalisierung durch eine besondere Islamdeutung, mündende in den Islamismus, kam kurz zur Sprache.

 

Beim Schlussakkord brachten dann die Gruppierungen Ernstes und Heiteres zum Tag in Gedanken, Gedichten, Musik und Gesang auf dem Podium vor. Der ganze Tag wurde von hervorragender und immer improvisierter Musik begleitet, so auch am Ende. Der Rhythmus des Gitarristen und der zwei Flötisten klappte zuerst nicht ganz. Das Publikum sprang sofort helfend zur Seite und klatschte den Takt. Nun begannen die zwei Piccoloflöten dazu zweistimmig so brilliant zu tirilieren, dass ich gar nicht so schnell schauen konnte, wie sich die Finger bewegten. Die Musik ging immer weiter, bis sich die Menschen auf der Bühne mitklatschend erhoben und das Publikum im Saal ebenfalls aufstand. Die Offenheit, das Verstehen-Wollen und die Friedlichkeit des Tages – ein Kontrapunkt zu dem Geschehen in Paris – schloss sich in diesen Minuten noch einmal zusammen und ich hatte das Gefühl, dass es sogar dem Saal gut tat und er freudig mitsummte.

 

Barbara Messmer und Liane-Heide Niederhoff